Wie sozial ist das Web?

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Wie sozial ist das Web?Social Web - Angesichts der Endlosdebatte darüber, dass dieses Zauberwort gestern noch ein Allheilmittel war, heute schon wieder tot ist, morgen doch wieder aufersteht um anschließend wie eine Pulswelle vom Ausschlag der höchsten Amplitude im Senkrechtflug hinab ins Wellental zu stürzen ... angesichts dessen mag man nicht wirklich den Versuch unternehmen, noch einen Nachschlag zu servieren, das Sahnehäubchen inklusive. Auf die Gefahr hin, mir von den Experten der Sozialbranche anhören zu müssen, den nächsten Aufwasch der ja längst durch Leads, Follower und Feedreaderstatistiken empirisch aufbereiteten Sozialwelt Web zu generieren und eine erneute Quintessenz anzurühren, begegne ich dem Thema mit genau dieser Frage. Wie sozial ist das Web?

... Sechsspaltige Tapetenbahnen ohne klar erkennbare Fugen die ein Muster ergeben, aber leider keinen Sinn...

Schenkt man den Fahnenträgern der freilich selbsternannten digitalen Avantgarde glauben, ist die Vorstellung eines sozialen Webs bereits heute Realität, spätestens aber in einer wie auch immer zeitlich definierten Zukunft eine logische Konsequenz, die es nur noch abzuwarten gilt. Dabei sind die Diskutanten und Webphilosophen digitaler Gefilde die idealen Protagonisten für Platons Höhlengleichnis, dass in diesem Zusammenhang mit fast schon erschreckender Aktualität nie besser in eine Zeit gepasst hat wie in die heutige . Der Webexperte, angekettet in einer virtuellen Höhle und den Blick starr geradeaus gerichtet auf die scheinbare Realität, die sich im Feuerschein an einer Twitterwall widerspiegelt, nur silhouettenhaft und reduziert auf 140 Zeichen. Was freilich in der Antike Platons Höhlenwand, präsentiert sich heute als Aktivstrahler im 16:9 Format und fotorealistischer denn je.

Täglich hören wir von neuen Nutzerrekorden auf Plattformen wie Facebook, Durchdringungsraten von Internetanschlüssen jenseits der neunzig Prozent und ein dauerhaftes und ebenso durchdringendes Unisono über die nahezu lebensnotwendige Bedeutung dieses informellen Mikrokosmos Web, gerne auch beschrieben als zweite Welt, virtuelle Realität oder, um auch die philosophischen, soziologischen gar psychologischen Ansätze einzubeziehen, als Spiegel der Gesellschaft. Alle sind dabei, pflegen Ihre Facebook-Seiten wie den Kräutergarten vor dem Haus und zwitschern in ähnlicher Selbstverständlichkeit wie die natürlichen Vorbilder die Neuigkeiten von den Dächern. Alle sind im Web, netzwerken, twittern und selbst die Lesezeichen sind, man höre und staune, sozial. Das rasante Fortschreiten der Webwelt, die mit unglaublicher Sogwirkung auf den Lebensalltag einwirkt, zeigt trotz der wachsenden Kompetenz des Einzelnen im Umgang mit der digitalen Umwelt ein erhebliches Barrierepotenzial, das gekleidet im Gewand sozialer Medien gerne übersehen wird.

Man könnte annehmen, dass sich das Verständnis über die sich zunehmend digitalisierende Welt über alle Teile der Gesellschaft hinweg auf einem sich annähernden Niveau befinden sollte, jeder mehr oder weniger gut mit der Begriffswelt von Bits und Bytes zurecht kommt, und sich im Laufe der Zeit ein Mindestmaß an technischem Grundwissen im Umgang mit Computern, dem Web und all seinen Facetten angeeignet hat. Während aber die einen in traumwandlerischer Sicherheit ein ganzes Buch via bit.ly in einhundert vierzig Zeichen pressen, bleibt das Medium Internet samt der damit verbundenen digitalen Welt von Rechenknechten, Hardware, Software und Applikationen für viele noch immer ein Buch mit sieben Siegeln. Zwar nimmt jeder daran teil, ist irgendwie drin, damit verbunden, eben Online. Die Erfahrung zeigt aber, dass von einem umfassenden Verständnis nicht mal annähernd die Rede sein kann. Es offenbart sich nicht selten ein recht deutlicher Hang zu falschen Überheblichkeiten bei jenen, die mit der überwiegend abstrakten Terminologie Tag ein Tag aus Ihren virtuellen Lifestyle pflegen und das Internet zu einem technologischen Gott erheben der ähnlich verehrt wird wie der Mann mit grauem Bart einer bekannten monotheistischen Glaubensrichtung. Es wird nicht erstaunen, das man beim Googeln des Begriffs Webevangelisten zahlreiche Treffer finden wird.

Der Intensivnutzer tendiert dazu, seinen eigenen, in Fleisch und Blut übergegangenen Umgang mit Bits und Bytes, Gezwitscher in Gesichtsbüchern und den fast schon autistischen Konsum einer Endloskette von RSS Feeds auf ganze Gesellschaften zu projizieren, und so zu tun, als sei das Jonglieren mit möglichst befremdlichen Begriffswelten nun einmal Zeitgeist und das liege einfach im Kern der Sache. Sollte bis hierher nicht jeder ganz verstanden haben wovon ich rede, liegt das übrigens daran, dass der Text anhand zuvor aufwendig recherchierter Keywords optimiert wurde, und im Grunde genommen für einen Algorithmus angedacht ist. Man kann diese kleine Hürde allerdings durch eine apothekenpflichtige Maßnahme der Nutzeroptimierung beseitigen, die dabei hilft, Lesegewohnheiten und das eigene Verhalten zukünftig besser in den Griff zu bekommen, Stichwort "User Attitude Optimization" (kurz UAO) oder auch "User Consuetude Optimization" (UCO) ... Die Übersetzung beider Begriffe finden sich im Web unter leo.org und alternativ bei Linguee.

Richtig ist, dass viele Menschen heute Zugang zu all der Technik, Computern und dem Web gefunden haben. Richtig ist allerdings auch, dass die Abstraktionsebene zwischen Mensch und Maschine, Mensch und Web, selbst zwischen Menschen unter Menschen im Verbund vernetzter Fließkommaberechner technologische wie auch sprachliche Schranken aufbaut, die nur von jenen überwunden werden, die sich mühelos in einer Umgebung von URL-Shortenern, AtReply-Gelagen oder stundenlangen Konfigurationsorgien miteinander verknüpf barer Web Zweinull-Applikationen zurechtfinden. Wie sozial ist das Web oder was ist das rechte Mass? Der aktuelle Zustand offenbart nicht selten eine Mischung aus Digitalromantik, Technologie-Esoterik bis hin zu Glaubensbekundungen, die ein vollspektrales Grundrauschen erzeugen, dessen Dekodierung ein "Das Web ist die Zukunft" ergibt.

... Niemand hinterfragt jedoch, ob die bisherige Betrachtungsweise nicht vollkommen an dem vorbei geht, was man gemeinhin als Realwelt bezeichnet, ...

In dieser obertonreichen Wellenform sich gegenseitig übertönenden Beraterchöre findet sich zum Thema Web so ziemlich jede denkbare wie undenkbare Meinung, meist begleitet von nachdrücklichen Hinweisen auf absolute Wahrheiten. Befreit von terminologischen Absurditäten bleibt unterm Strich freilich wenig. Die einen wundern sich, warum das Web von einer Kostenlos-Mentalität geprägt ist, andere schreien schon förmlich danach, der Nutzer möchte sich doch besinnen und für Inhalte, Dienste und Applikationen doch endlich mal Geld ausgeben. Wir finden zahlreiche Antworten auf die Frage warum Blogs kein Geld verdienen und warum RSS-Feeds besser als Full-Feed und nicht gekürzt angeboten werden sollten. Niemand hinterfragt jedoch, ob die bisherige Betrachtungsweise nicht vollkommen an dem vorbei geht, was man gemeinhin als Realwelt bezeichnet, ein Begriff, der an sich schon bezeichnend ist. Sicher, Barrierefreiheit ist mittlerweile ein zumindest häufig diskutiertes Thema, aber was ist mit jenen, die noch sehenden Auges einem vollkommen überfluteten Viewport ausgeliefert sind, der eine Aggregation aus Echtzeitnews, blinkenden Hinweisen und an das alte Ägypten erinnernde Sonderzeichen bereithält. Sechsspaltige Tapetenbahnen ohne klar erkennbare Fugen die ein Muster ergeben, aber leider keinen Sinn. Und selbst das zeichenbegrenzte Twitter fördert ganz neue Sprachen an das virtuelle Tageslicht, wo man nicht sicher sein kann ob nicht der Rechner gerade seinen Dienst versagt.

Während dies alles von jenen belächelt werden mag, die Ihre Kaffemaschine mit einem iPhone bedienen und das Internet als ein allmächtiges Nonplusultra verkaufen, dass 20% mehr Inhalt bietet als im Vergleichszeitraum (also gestern), drängt sich doch Frage auf, ob nicht jene mehr dazu geeignet sind erfolgreich im Web zu agieren, die diese technologischen Aspekte hinter sich lassen, Barrieren abbauen und eine verständliche Sprache sprechen. Wie erfolgreich ist ein Web, dass jene ausgrenzt die nicht folgen können, und wie erfolgreich ist der Einzelne, der glaubt das letzt Genannte eine Minderheit darstellen? Wer glaubt mit abstrakter Technologie erfolgreich zu sein wird beim Verlassen seiner Höhle "Internet" erkennen müssen, nur den Schatten seiner selbst gefolgt zu sein. Die Realität indes zog wie ein Scherenschnitt vorbei, zweidimensional aber entgegen Platons Vorstellung in der der Antike, immerhin scrollbar durch ein Mausrad ...

Gerade jene, die mit wirtschaftlichen Interessen den Boden versuchen dadurch zu ebenen, eine möglichst aufwändige Web-Plattform zu kreieren und denen die Analyse-Charts schon klar erkennbare Brandflecken in die Iris zeichnen, sollten sich vor Augen führen, dass auch die Betriebswirtschaft als wirtschaftswissenschaftliche Disziplin den Sozialwissenschaften zugeordnet wird. Sprechen Sie besser mal eine Stunde mit Ihrem Nachbarn, das ist erstens sozialer, zweitens zwar vollkommen unmodern aber drittens die einzige Aussicht auf Besserung. Spätestens in diesem Zusammenhang sollte die zugrunde liegende Frage des Beitrags zumindest nachdenklich stimmen.

Als aufmunternde aber gleichzeitig weiterführende Lektüre empfehle ich den nunmehr wie ein Endzeitszenario wirkenden Film "Lost in Translation" mit dem großartigen Bill Murray. Man wird mir diese leicht augenzwinkernde Schlussbemerkung nachsehen und für den Anfang und als erste kleine Übung zukünftig auf den Begriff Klickrate verzichten. Dieser kleine Perspektivenwechsel führt im schlechtestem Falle dazu, mal wieder ein öffentliches Café zu betreten, ohne das Wort Internet versteht sich.

Autor: Verfasst hat diesen Artikel Markus Vocke, den wir über diesem Wege als Gast-Blogger im Webstandard-Blog herzlich willkommen heißen. Markus, dessen Aktionsraum das Internet ist, ist unter anderem Betreiber des Blogs Web-Funk, wo er sich inhaltlich den Themen Internet, Social Media & Webdesign widmet. Und wer von Euch diesen Artikel wirklich gelesen und nicht nur überflogen hat, den wird es nicht verwundern wenn an dieser Stelle für seinen Web-FunkWeb-Funk Blog als auch für seinen Twitter-Account Webfunk eine Empfehlung ausgesprochen wird.

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  1. Marion 22 Mär 2010, 13:31

    Was soll man dazu noch sagen bzw. schreiben, außer klasse Beitrag!!!


  2. Merliny 22 Mär 2010, 13:58

    Ich habe den Atikel nicht nur überflogen, sondern wirklich richtig gelesen. An manchen Stellen konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, aber mindestens genau so oft habe ich innegehalten und reflektierend mein eigenes Verhalten überdacht - und teilweise wiedererkannt.
    Meine Devise in punkto Internet, Webseiten und gesamte virtuelle Welt: nicht alles, was machbar ist, muss auch eingesetzt werden. Auch hier ist weniger oft mehr. Wer seine Leser visuell und intelektuell überfordert darf sich nicht wundern, wenn sich der Leser irgendwann verweigert, bewusst oder unbewusst.


  3. Sven
    22 Mär 2010, 15:09

    Beim Lesen des Artikels musste ich feststellen, wie oft in meinem Umkreis die webaffinen Nutzer auf jeden neuen Zug aufspringen und ihn als neuen Gral des Internets preisen, nur um nach einigen Wochen, manchmal Monaten festzustellen, wie sinnlos das Aufspringen auf den Zug war, der nicht zuletzt Richtung Abstellgleis rollt. Statt Zeit einszusparen ziehen die ewigen Aktualisierungen der Profile, des Accounts Lebenszeit ab. Schöner Artikel dem nicht mehr viel hinzuzufügen ist.


  4. Ramona
    22 Mär 2010, 15:36

    Wer so wie Markus Vocke Kommunikation analysiert, hat Mut, Durchblick und ... Recht! Dieser etwas andere Blickwinkel (mit Unterhaltungscharakter - danke dafür!) bezüglich der E-Kommunikation hat wirklich gefehlt. Nicht nur, weil wir immer mehr und immer schneller in nur eine Richtung buzzen, waven, skypen, wie auch immer, wir schauen gar nicht mehr nach links oder rechts. Jetzt kommt einer, der uns das mal deutlich sagt.
    Der Tag hat nun mal nur 24 Stunden. Professionell kommunizieren bedeutet auch, zu sondieren, zu bewerten, zu forcieren, wenn nötig; der Autor des Beitrags weiß jedenfalls, wovon er redet ;)


  5. Florian Lerch
    22 Mär 2010, 19:53

    Also ich persönlich habe nichts gegen die Social Media - Seiten. Und auch nichts gegen ihre Kurzlebigkeiit. Ich meine hey, so ist das Web nunmal. Kurzlebig. Und es kann ja Freude bereiten, seinen Facebook Account zu pflegen, auch wenn er nach ein paar Wochen wieder out und ein neues Medium da ist.


  6. Markus
    22 Mär 2010, 20:24

    Erst einmal vielen Dank für die Antworten und als kleine Ergänzung gab es heute auch ein paar interessante Fakten die bemerkenswert zum Beitrag passen: http://www.ftd.de/it-medien/medien-internet/:digitale-gesellschaft-sechs-onlinetypen-im-vergleich/50091575.html ...

    Man erinnere sich an die obige Einschätzung, dass eine Mehrheit noch vollkommen unbeachtet vom Web relativ wenig mit dem Medium zu tun hat ... bin ja mal gespannt ob jetzt nicht doch mancher anfängt über Zugänglichkeit nachzudenken ... das Potenzial was da noch brach liegt ist schon beeindruckend nur erreicht man diese Leute nicht mit der bisherigen Herangehensweise ...

    Grüße in die Runde, Markus


  7. Anna ... 25 Mär 2010, 09:14

    Evangelist, Guru, Zauber..... Solange Firmen die Story glauben wird diese Terminologie wie du schon angesprochen hast nicht aussterben. Und gerade diese Firmen kennen sich im Internet nicht aus und vertrauen auf Scharlatane.


  8. Markus
    25 Mär 2010, 10:17

    Gute Anmerkung! Dieses ganze Fachgeplänkel bietet natürlich viel Raum für Leute die keinen Plan haben, diesen aber mit ausgefeilter Rhetorik gut verkaufen können. Für jene, die aber vor hatten (oder noch vorhaben) das große Geld zu machen, wird die Luft langsam eng, sofern man die Strategie nicht ändert und zukünftig auch die "Normalen" mit ins Boot holt.


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