Design by Committee - Gestaltung durch viele Entscheider

Design by Committee - Gestaltung durch viele EntscheiderWarum Designprozesse durch viele Mitentscheider nicht funktionieren - Jeder Designer kennt das: man arbeitet hochmotiviert an einem neuen Projekt, die Vorgaben sind klar und nach vielen Arbeitsstunden ist endlich der erste Entwurf fertig. Es folgt die Präsentation beim Kunden. Der erste Eindruck ist super. Doch bevor der nächste Schritt beginnen kann, möchte der Auftraggeber noch andere Meinungen einholen. Und hier beginnt der ganze Wahnsinn. Entweder direkt durch die Anwesenden im Meeting oder im Nachhinein durch die Stimmen von Familie, Freunden und Mitarbeitern, wird nach und nach die gute Arbeit zerrissen und im Grundlegenden erschüttert. Oft verlassen sich Kunden im Designprozess nicht ausschließlich auf ihre Intuition und ihren eigenen Geschmack und fragen daher Dritte um Rat. Das passiert oft aus eigener Unsicherheit sowie dem Fehldenken, dass etwas umso besser wird, je mehr Leute daran beteiligt sind. Das ist leider grundlegend falsch.

Das sogenannte "Design by Committee" zeichnet sich aus durch:
  • unverhältnismäßige Komplexität
  • das Ziel, jedem gerecht werden zu wollen
  • fehlende Strukturierung
  • eine fehlende konzeptionelle Linie
  • inhaltliche Fehler
  • logische Schwächen
  • das Abhandenkommen der Grundidee
Verschiedene Formen des "Design by Committee"

Ein externer Betrachter ist meist selbst nur Laie und kann daher kaum eine Designentscheidung sinnvoll bereichern. Oft hört man vom Kunden, dass eine weitere Perspektive eingebracht werden soll. Oftmals werden dann Freunde, Familie oder sogar Kunden des Kunden in den Entscheidungsprozess mit einbezogen. Aufgrund der mangelnden Fachkompetenz und Einsicht in das Projekt sind diese Meinungen aber meist irreführend und tragen maßgeblich zur Verunsicherung des Auftraggebers bei. Für noch gefährlicher halte ich einen Betrachter, der selbst Designer ist oder zumindest behauptet ein "Händchen dafür" zu haben. Dieser weiß dann "natürlich" zahlreiche "Verbesserungen", schon weil das Ego auf diese Frage eine Antwort geben muss. Hier steht immer, direkt ausgesprochen oder nicht, der Satz "Na das könnte ich doch besser." im Raum.

... Fehlt ein Moderator oder übergeordneter Entscheider, endet das schnell in einer katastrophalen Situation...

In einer hierarchischen Arbeitsgruppe wirken sich solche Designentscheidungen am deutlichsten und komplexesten aus. Jeder möchte etwas beitragen, seine Kompetenz steigern oder die Ideen des Kollegen diskreditieren. Fehlt ein Moderator oder übergeordneter Entscheider, endet das schnell in einer katastrophalen Situation, aus der kein sinnvolles Ergebnis mehr entstehen kann. Nur in wenigen Fällen kann man davon ausgehen, dass ein Angestellter oder etwa die Mutter des Auftraggebers etwas kompetentes zum Design z.B einer Internetseite beitragen kann. Warum passiert es also immer wieder, dass Außenstehende in den Entscheidungsprozess einbezogen werden? Und schlimmer: dass deren Meinung oft entgegen jeder Argumentation gebilligt wird? Anders gefragt: Würden Sie Ihren Bäcker beurteilen lassen, ob Ihr neuer Haarschnitt der Mode entspricht?

Zu viele subjektive Meinungen stören den Designprozess empfindlich

Geschmäcker sind einfach verschieden, teilweise grundverschieden. Allen Meinungen gerecht werden zu wollen ist nicht das Ziel eines guten Designs. Vielmehr muss von vorneherein klar formuliert sein, wohin die Reise gehen soll. Im Nachhinein grundsätzliche Punkte aufgrund von Meinungen neu aufzurollen, führt in eine problematische Situation. Oder würden Sie einen Anzug maßschneidern lassen und im Nachhinein fällt Ihnen auf, dass Sie diesen doch lieber in einer anderen Farbe hätten? Ein klare Vorstellung vor Beginn der Designarbeit erspart also viel Zeit und Kraftaufwand auf Seiten des Designers. Und damit im Endeffekt bares Geld für den Kunden.

Polaroids with CSS3
Subjektive Meinungen stören den Designprozess
Bildquelle Flickr - Made by www.lumaxart.com

Die Erfahrung zeigt, dass das "Design by Committee", nie endgültig und im Endeffekt für Niemanden zufriedenstellend ist. Der Versuch, allen Bedürfnissen in jedem Aspekt gerecht zu werden, resultiert nur wieder in neuen Änderungswünschen. Diese sind oft konzeptgefährdend und logisch fehlerhaft. Solche Prozesse entwickeln sich schnell zu einer unendlichen Geschichte. Es entsteht eine Dynamik des ständigen Ändernwollens. Hier ist es besonders wichtig, dass ein erfahrener Gestalter dem Kunden Schranken aufzeigt. Er muss Fachkompetenz vermitteln und klar machen, dass einmal getroffene Entscheidungen bindend für die weitere Zusammenarbeit sind.

Mögliche Lösungen sind:
  • schriftliche Fixierung des Besprochenen
  • Beschränkung auf einen Ansprechpartner beim Kunden
  • dem Kunden sinnlose und/oder irreführende Vorgaben aufzeigen oder hinterfragen
  • mit bindenden Fristen arbeiten (damit sich die Arbeit nicht unendlich hinzieht)
  • als Designer lernen, wann Widerstand zwecklos ist und wann unbedingt interveniert und beraten werden muss
  • Designentscheidungen begründen und somit vor dem Kunden transparent verteidigen

Das Wichtigste ist, dass ein Grundkonzept von vornherein steht. Die Ziele müssen klar formuliert und konkrete Vorstellungen des Ergebnisses müssen vorhanden sein. Und das am besten vor Auftragserteilung.

Viele Köche verderben den Brei.

Das berühmte Sprichwort, das anhand zahlreicher Beispiele belegbar ist, muss immer wieder vor Augen geführt werden. Oft ärgere ich mich und stelle mir die Frage, warum ein professioneller Gestalter engagiert wird, wenn man sich dann auf dessen Ausbildung, Erfahrung und Gespür doch zum Großteil nicht verlassen will. Die einzelnen Mitglieder einer Gruppe dürfen und sollen zwar Vorschläge einbringen. Jedoch müssen diese klar moderiert und von ihrer Sinnhaftigkeit und Zielausrichtung abgewogen werden. Subjektive Meinungen dürfen nicht das Projekt im Ganzen erschüttern. Denn es ist schnell geschehen, dass eine Gruppe von Gegenrednern, Pessimisten und Besserwissern ein Konzept mürbe redet. Eine starke Idee lebt immer von der ursprünglichen Inspiration des Einzelnen. Um das grundsätzliche Ziel nicht zu gefährden, darf dies nicht zu einer demokratischen Entscheidung werden.

Design by Committee
Moderator oder übergeordneter Entscheider beim Gestaltgunsprozess
Bildquelle Flickr - Made by www.lumaxart.com

Das alles klingt natürlich stellenweise pauschal. Als Designer arbeitet man nunmal in einer serviceorientierten Branche. Natürlich ist der Kunde der bestimmende Part. Da ist es im Zweifelsfall egal, wie unpassend oder unüberlegt mancher Wunsch sein mag, der Kunde bezahlt schließlich viel Geld dafür. Jeder Arbeitsaufwand wird am Ende in Rechnung gestellt. Dennoch gehört es zur Pflicht des Designers, die Ideen des Kunden zu hinterfragen und ihn kompetent zu beraten. Denn was ist, wenn das Endergebnis nicht funktioniert? Das fällt, wie man es auch dreht und wendet, auf den Designer und die Agentur zurück.

Informationen über den Gastautoren

Christian Radmann begann seine Ausbildung zum Mediengestalter für Digital- und Printmedien bei der Euroweb Internet GmbH in Düsseldorf und führte diese anschließend im Berliner Firmensitz fort. Nach seinem erfolgreichen Abschluss wurde er von der Euroweb Internet GmbH als festangestellter Webdesigner übernommen und aufgrund seiner hervorragenden Leistungen zum Junior Art Director befördert.

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  1. Phil 21 Jul 2010, 20:53

    Wer kennt diese Problematik bei der Entscheidungsfindung nicht, wenn dann bei größeren Agenturen noch "Vitamin B" mit im Spiel ist, ist Kompetenz allein nicht mehr viel wert.


  2. Markus
    21 Jul 2010, 21:33

    Sehr guter Beitrag! Steht die Frage im Raum ob man Fragen des Designs überhaupt mit Design-Argumenten diskutieren sollte. Selbst zwei gelernte Designer könnten sich vermutlich kaum auf den richtigen Blauton einigen weil gerade das "Visuelle" von Natur aus etwas vollkommen subjektives ist und nur wenig für sachliche Diskussionen taugt.

    Oftmals kommt es dann dazu, dass einzelnen Details durch aufkommende Diskussionen eine Priorität beigemessen wird, die mit etwas Abstand betrachtet überhaupt nicht gerechtfertigt ist. Letzten Endes sollten auch Designer lernen, Ihre Argumentationskette dem Kunden gegenüber um die Nutzwertaspekte einer Seite zu erweitern. Spätestens nach einem Monat nach Fertigstellung zählt schließlich der Mehrwert für den Kunden der Zwar durch gutes Design unterstützt wird aber im Wettbewerb unzähliger Auftritte zahlreiche andere Faktoren zunehmend an Bedeutung gewinnen (Usability, UX, Benutzerführung etc.). Eine rein designlastige Argumentation hilft dabei definitiv nicht weiter.


  3. Roy
    22 Jul 2010, 12:19

    Schöner Beitrag und ein Situation die fast jeder schon einmal erlebt hat. Deshalb ist es immer ratsam, alle auch die Designentscheidungen offen und logisch darzulegen. Und solch subjetiven Argumente á la "weil es so schöner aussieht" schlicht nicht aufkommen zu lassen.


  4. Christopher Schwab 26 Jul 2010, 16:55

    Super Beitrag. Er spricht genau das an, was ich schon viel zu oft erlebt habe... :)


  5. André 28 Jul 2010, 20:11

    Zitat: "Eine rein designlastige Argumentation hilft dabei definitiv nicht weiter."

    Genau. Und ein rein "designlastiges Design" auch nicht. Da hat man nämlich nichts weiter in der Hand als seinen persönlichen Geschmack – und das ist zu wenig, denn persönlichen Geschmack hat auch das "Kundenkommitee". Aber die sind in der Überzahl.

    Webdesign sollte jedoch funktionales Design sein, und funktionales Design lässt sich in großen Teilen objektiv begründen. Im günstigsten Fall kann man dadurch soviele Details vor der Zerstörung retten, dass das Gesamtkonzept erhalten bleibt.

    Ich halte es für ein sicheres Erkennungsmerkmal von schlechtem Design, wenn man kritischen Urteilen anderer nichts entgegenzusetzen hat. Sich dann darauf zu berufen, dass man doch schließlich der Fachmann sei, geht dann gar nicht, weil genau das nämlich gerade besonders offensichtlich in Zweifel steht. Wer nicht besser als ein Nichtfachmann begründen kann, warum er etwas so und nicht anders getan hat, worin unterscheidet er sich dann noch von einem Nichtfachmann?

    Der Webdesigner hüte sich also vor der Attitüde des über die schnöde Realität erhabenen Künstlers. Er sei auch Handwerker, der schön und solide baut.


  6. Roland Düsseldorf
    04 Aug 2010, 15:18

    "Jeder Arbeitsaufwand wird am Ende in Rechnung gestellt."

    Schöne Artikel, jedoch musste ich bei obigem Zitat doch etwas grinsen. Ist es denn nicht häufig so, dass x-maliges Nachbessern bzw. Verändern bzw. Korrigieren bzw. Variante XYZ erstellen NICHT bezahlt werden will? Gerade bei Pauschalpreisen? Wer kann denn heute noch angemessene Stundenpreise durchsetzen?

    Ansonsten stimme ich meinen Vorrednern zu - Designer ist nicht gleich Künstler. Das gilt immer noch der Spruch "Form follows Function". Und viele "Web-Designer" haben leider von Usability, Acessibility und OnPage SEO keinen Plan. Da sollte man dann auch scharf zwischen Screendesigner / Layouter, Frontend-Entwickler, Backend-Entwickler, Flash-Developer usw. trennen.


  7. Alexander Walther
    19 Aug 2011, 00:19

    Hallo!

    Beim Googlen nach "Design By Committee" habe ich diesen Artikel gefunden und würde gerne zustimmen - wäre da nicht ein großes "Aber!":

    Viele Köche verderben keineswegs den Brei. Gerade in der Usability-Forschung hat sich das sog. Participatory Design einen festen Platz im Prozess der Produktgestaltung erobert. Es ist eine wissenschaftliche Methode, um Qualität innerhalb des Design-Prozess sicherzustellen.

    Oberstes Ziel muss sein, dass der spätere Nutzer mit dem Produkt, z. B. der Besucher mit der Website, zurechtkommt. Warum also nicht den Nutzer direkt miteinbeziehen? Wichtig ist, und das hast du ja auch geschrieben, dass dieses Feedback zielgerichtet sein muss und moderiert werden muss. Wird das Laienfeedback richtig gedeutet, so erhält man wertvolle Informationen über die Zielgruppe, Gedanken, Ideen und Anreize. Fehlentwicklungen kann so frühzeitig entgegengewirkt werden.

    Nun könnte man einwenden: "Wer bezahlt diesen zusätzlichen Aufwand?". Dem entgegne ich: "Wer zahlt, wenn Endkunden nicht mit dem Produkt zurechtkommen, nicht die gewünschte Informationen finden oder an der Zielgruppe vorbei entwickelt wird?". Kunden staunen, wenn ihre Endkunden ganz anders agieren, als sie es sich vorstellen. Über solche versteckten Kosten sollte man sich ebenfalls Gedanken machen. Ich behaupte: Participatory Design spart bares.

    Das Verfahren lässt sich übrigens auch auf andere Produkte, eigentlich sämtliche Gebrauchsgegenstände und Interfaces, übertragen.


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